Das gelöschte Kapitel

Ziemlich früh im Überarbeitungsprozess von The Score of Our Life wurde ein ganzes Kapitel entfernt.

Ob es drin blieb oder nicht, war für die Handlung irrelevant. Und da es den Spannungsbogen zu sehr abgeflacht hätte, habe ich mich letztlich dazu entschieden, es ganz rauszunehmen.

Und doch ist ein wunderschöner Einblick in Annelis und Eloises Welt. Es zeigt, wie sich beide Welten sich noch etwas mehr annähern. Und vor allem lernt ihr hier die anderen Mitglieder von Ravens Reign, Christina, Sergej und Sawyer und Liam samt Familie, etwas näher kennen.

Eloise ist in der zweiten Hälfte des Buches mit Anneli nach Los Angeles gereist und nachdem beide ein paar sehr schöne Stunden in Annelis Häuschen verbrauchten, besuchten sie Liams Zuhause. Kommt mit ihnen mit:

***

Kapitel X

Anneli

Anneli streckte ihr die Hand entgegen, die Eloise ohne Zögern ergriff. »Ich will dir Liam und seine Familie vorstellen. Und wer weiß … vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit, ein bisschen Musik zu machen.« Ihre Augen blitzten schelmisch und sie konnte Eloises Aufregung in ihrer Berührung spüren.

»Oh, ich hoffe es!«, antwortete Eloise mit leuchtenden Augen, erhob sich und schmiegte sich an Anneli, küsste sie. Der Kuss war stürmisch und Anneli merkte, wie aufgeregt Eloise war. Sie wurde jäh von Glücksgefühlen geflutet.

»Dann lass uns bald los«, sagte Anneli leise, den Blick noch immer in Eloises Augen versunken. Hand in Hand machten sie sich auf den Weg, um sich frisch zu machen.

Nach kurzer Zeit saßen sie im Auto und fuhren an der Küste entlang. Das Sonnenlicht brach gelegentlich durch eine weiche Wolkendecke. Es war ein angenehm warmer Tag und in Anneli blühte die Vorfreude, Liam und seine Familie endlich wieder zu sehen. Sie griff nach Eloise Hand und drückte sie. Genauso sehr freute sie sich, dass nun auch Eloise Teil von diesem so wichtigen Part ihres Lebens sein würde.

Als sie nach einer viertel Stunde in den Topanga Canyon fuhren, wandelte sich die Landschaft. Hohe, zerklüftete Berge, dicht bewaldete Hänge und enge, kurvige Straßen bestimmten das Bild. Anneli mochte das Topanga-Gebiet und seine malerische Schönheit. Die ruhige, naturverbundene Atmosphäre zog viele Künstler und Kreative an – so auch Liam und seine Familie.

Anneli lenkte das Auto durch sanfte Kurven, als das Grün ringsum allmählich dichter wurde. Es war eine kurze aber wunderschöne Fahrt – nur eine halbe Stunde. Der Weg war gesäumt von hohen Bäumen und im Sonnenlicht leuchtendem, wild wucherndem Gebüsch. Anneli warf Eloise, die gebannt aus dem Fenster starrte und die Natur auf sie wirken ließ, immer wieder einen Blick zu.

In Anneli wuchs die kribbelige Vorfreude. Eigentlich war es nur ein Besuch, aber für war es etwas Besonderes. Noch nie hatte sie eine ihrer Freundinnen einen solchen Einblick gewährt oder sie Teil davon werden lassen. Das hatte sich einfach nie ergeben. Und jetzt, bereits nach so kurzer Zeit, fühlte es sich schon richtig an. Sie wollte unbedingt, dass Eloise noch mehr Teil ihres Lebens wurde – dass ihre beiden so unterschiedlichen Welten weiter verschmolzen. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, wollte sie Eloise auch zeigen, dass sie völlig normale Menschen sein konnten – trotz dem ganzen Trubel und der Aufmerksamkeit. Als sie mit Eloise auf Liams Einfahrt einbog, bemerkte sie auch Eloises Nervosität. Diese hielt sichtlich den Atem an, als sie das Haus, welches verborgen zwischen hohen Bäumen lag, bestaunte. Die unaufdringliche Fassade des zweistöckigen Hauses verschmolz mit der dichten Vegetation ringsum.

Bevor sie ausstieg küsste sie Eloise noch einmal, wollte ihr Sicherheit geben. Sie flüsterte: »Sie werden dich lieben. Besonders die zwei kleinen Gören.«

Eloise kicherte. »Meinst du? Am besten kann ich eigentlich mit Büchern.«

»Glaub mir, sag einmal laut, dass du Bücher liebst, und Zoe und Cassy entführen dich in ihr Reich.«

Hand in Hand gingen sie zum Hauseingang. Der Kies unter ihren Füßen knirschte und Anneli atmete tief die frische Luft ein, nahm das erdige Aroma der Umgebung in sich auf. Dann zog Eloise sie zu sich.

»Bereit?«

Ein Strahlen erschien in ihrem Gesicht: »Ich glaube, ich bin bereit. Und ziemlich gespannt.«

Als sie die Hand zur Klingel ausstreckte, wurde schon die Tür aufgerissen. Im nächsten Moment trafen zwei Körper auf den ihren und umschlagen ihre Beine.

»Tante Li!«, schrien Zoe und Cassy im Chor. »Tante Li!«

Etwas nach hinten wankend lachte Anneli laut und kniete sich nieder.

»Hallo Mädels!« Sie grinste schief und schloss sie beide in die Arme. Und schon zerrten die beiden an ihren Armen. »Komm mit, komm mit – Crow wartet schon.«

»Nun mal langsam.« Anneli richtete sich lachend wieder auf und warf Eloise einen liebevollen Blick zu. »Ich möchte euch Eloise vorstellen. Sie ist mein besonderer Gast.«

Die beiden Mädchen starrten Eloise mit großen Augen an. Eloise lächelte zaghaft: »Hallo ihr beiden.«

»Hi, Eloise!«, rief Zoe fröhlich und streckte ihre Hand aus. »Freut mich, dich kennenzulernen.«

Eloise erwiderte den Gruß mit einem strahlenden Lächeln.

»Es ist toll, euch kennenzulernen«, sagte sie, wobei sie sanft Zoes Hand schüttelte und dann zu Cassy hinübersah. Nach kurzem Zögern fügte sie schüchtern hinzu: »Ich … hab gehört, ihr mögt Bücher! Ich auch.«

»Echt?« Cassy war begeistert und sah zu Anneli hinauf.

Anneli musste schmunzeln und umfasste Eloise an der Taille.

»Oh ja«, antwortete Anneli. »Sie arbeitet in einer riesigen Bibliothek mit tausenden von Büchern!«

Zoe und Cassy warfen sich einen aufgeregten Blick zu, als hätten sie gerade Eloises Geheimnis entdeckt.

»Wir haben auch Bücher! Komm, wir gehen in unsere Bibliothek!«, rief Cassy begeistert, während beide Mädchen Eloise und Anneli ins Haus zogen.

Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, und sie standen in den lichtdurchfluteten Eingangsbereich.

»Nun mal halb lang ihr zwei Raubkatzen, wir möchten unsere Gäste auch noch begrüßen!«, rief eine tiefe Stimme.

Liam und Joselyn kamen ihnen entgegen, beide ein breites Lächeln auf dem Gesicht, das sofort all die Wärme und Ruhe ausstrahlte, die Anneli so sehr an diesem Zuhause schätzte. Liam ging gleich auf sie zu, streckte die Arme aus und zog Anneli in eine feste Umarmung.

»Schön, dass ihr da seid«, sagte er mit seiner tiefen Stimme, die immer ein Stück Heiterkeit trug. Auch Joselyn schloss sie fest in den Arm.

»Es ist zu lange her!« Ihre Stimme war weich.

»Freut mich, euch wiederzusehen«, antwortete Anneli und drückte Joselyns Arm. Dann griff sie nach Eloises Hand und zog sie an ihre Seite. Beide Mädchen hüpften aufgeregt um sie herum.

»Liam, Josy, das ist Eloise.« Anneli lächelte stolz und stellte sie einander vor.

Liam lächelte herzlich und streckte Eloise die Hand entgegen. »Freut mich sehr, Eloise«, sagte er und schüttelte ihre Hand fest. »Anneli hat uns schon von dir erzählt. Willkommen bei uns!«

Doch Joselyn trat gleich zu ihr hin und umarmte sie: »Willkommen, Eloise!«

Eloise lächelte schüchternen und ein Hauch Röte stieg ihr in die Wangen. Anneli grinste und ihr Herz flatterte. »Danke, ihr beiden. Es ist wunderbar, hier zu sein.«

»Kommt«, rief Liam einladend und wies auf den hellen Wohnbereich. »Macht es euch gemütlich. Ich hoffe, ihr habt Hunger – wir haben vielleicht ein bisschen übertrieben!«

»Übertrieben ist noch untertrieben«, lachte Joselyn und scheuchte die Mädchen in den großen Wohnbereich.

Anneli und Eloise tauschten einen kurzen, warmen Blick, bevor sie ihnen ins Wohnzimmer folgten. Eloise schien sich wohl zu fühlen, und Anneli überkam ein tiefes Gefühl von Erleichterung und Freude, zu sehen wie ihre Welten weiter zusammenrückten.

Eloise

Eloise war froh über Annelis Hand, die fest die ihre umschloss. Innerlich war sie sehr aufgeregt und froh über den herzlichen Empfang. Sie nahm den Raum neugierig in sich auf. Es roch köstlich – sie tippte auf Pizza. Die einladende Couchecke und der riesige Esstisch aus heller Eiche strahlten so viel Wärme und Geborgenheit aus, dass sie sich sofort heimelig fühlte. Vor allem aber die herzliche Gastfreundschaft der Familie berührten sie. Dieses Zuhause umfing eine ähnliche Energie, die auch ihre eigene Familie – der gesamte Gardners-Clan – antrieb: Stürmisch liebevoll.

Als sie sich setzte, legte sich Liams Blick auf sie. Seine Augen strahlten dieselbe Offenheit aus, die sie an Anneli so liebte. Er war ziemlich groß und trug einen üppigen Vollbart, während auf seinem Kopf eine Baseballcap saß. Liam strahlte eine angenehme Ruhe aus, die Eloise sofort sympathisch fand. Er ließ sich auf einem Sessel nieder, während die Mädchen sich neben Eloise platzierten, immer noch kichernd und flüsternd.

Anneli nahm auf ihrer anderen Seite Platz und strich sanft über ihren Arm, was Eloise noch mehr beruhigte. Sie fühlte, wie sich die Aufregung in ihrem Bauch langsam in ein warmes, wohlwollendes Kribbeln verwandelte, das sich bis in ihre Fingerspitzen ausbreitete.

»Na Eloise, wie findest du unser L.A.?«, fragte er sanft und verschränkte die Hände locker im Schoß. Die Frage kitzelte sie und sie musste an all die schönen Momente in Annelis Haus denken. Sie ermahnte sich innerlich, nicht rot zu werden.

Eloise lächelte unwillkürlich: »So viel hab ich noch nicht von der Stadt gesehen.«

Liams Augenbrauen wanderten nach oben und Anneli lachte schallend.

»Also das Haus von Anneli ist richtig toll«, Eloise stieg wieder die Röte ins Gesicht und grinste schief.

»Also, wir sind ja auch noch nicht lange hier«, stand ihr Anneli bei, ihr einen schalkhaften Seitenblick zuwerfend. »Heute soll sie ein bisschen etwas von Ravens Reign erleben.«

»Na, das werden wir heute erledigen«, sagte Liam entschlossen und grinste Anneli verschwörerisch an. »Aber jetzt gibt es erstmal Pizza!«

Die Pizza schmeckte wunderbar und nachdem auch noch eine riesige Schale Tiramisu bis auf das letzte bisschen geleert wurde, hingen alle leicht müde auf der großen Couch. Die Gespräche drehten sich um L.A., London und Eloise erzählte sogar etwas von ihrer Arbeit, die sich gerade so weit weg anfühlte.

»Es ist wirklich schön hier«, bemerkte Eloise, als sie sich umsah. »Es hat etwas Beruhigendes, so eine Oase mitten in der Stadt zu haben.«

»Das ist unser Zuhause – es ist wichtig, einen Ort zu haben, an den man immer zurückkehren kann, egal, was in der Welt passiert.« Liam lächelte und beobachtete die zwei Mädchen, die mit einer schwarzen Katze spielten. »Nach drei Monaten Tour bin ich froh, wieder hier her zu kommen. Wir alle brauchen so einen Platz.«

Joselyn sagte lächelnd: »Ich bin auch froh, wenn Liam wieder hier ist. So ein Haus ist zu dritt schon ganz schön groß.« Dann beugte sie sich neugierig etwas nach vorne. »Eloise, wo ist dein Zuhause? Anneli hat erwähnt, du wohnst in London?«

»Ja«, antwortete Eloise nachdenklich. »Dort lebe ich mit meiner Mitbewohnerin in der Nähe der Kensington Station.« Sie dachte an ihre aufgedrehte Mitbewohnerin Tamara, die ihre kleine Wohnung zu einem Zuhause für sie machte. »Und meine Familie lebt nicht weit von London in einem kleinen Dorf – das ist auch ein Daheim für mich.«

Anneli sah sie warm an und strich ihr sanft über ihren Rücken. »Es gibt so viele Arten von Zuhause, finde ich. Für mich war die Band immer wie eine Familie. Egal, wo wir gerade sind. Irgendwie … kommt mir immer mehr in den Sinn, dass Zuhause viel mehr ein Gefühl, als ein Ort ist.«

Eloise lächelte sanft und bemerkte verwundert, dass sie sich neben Anneli nach so kurzer Zeit genauso fühlte. Behaglich. Wohl. So, wie in einem Zuhause.

Dann sah sie dann zu Liam. »Ich kann verstehen, warum Anneli gerne hierherkommt. Es fühlt sich sehr nach Familie an.«

»Das ist es.« Liam strahlte und ließ den Blick wieder zu seinen Kindern schweifen, die alles andere als müde waren. »Familie und Freunde – das sind die Menschen, die uns wirklich verankern. Es ist irgendwie seltsam, die meisten von uns haben ein ziemlich unstetes Leben, sind ständig unterwegs, aber am Ende sind es vor allem die liebsten Menschen, die uns wieder runterholen.«

Eloise spielte mit Annelis Hand, strich sanft darüber, fand in der Nähe und Behaglichkeit Mut.

»Ich habe immer geglaubt, dass meine Bibliothek und all die Bücher mein Zuhause sind«, offenbarte sie nachdenklich. »Schon langsam glaube ich aber auch, dass das viel mehr mit Gefühlen als Orten zu tun hat.« Sie warf Anneli einen kurzen, schüchternen Seitenblick zu. In ihr stieg ein aufgeregtes Kribbeln hoch, so als hätte sie gerade etwas offenbart.

Anneli erwiderte Eloises Blick und lächelte. Sie zog sie ein Stück näher an sich und legte den Arm um ihre Schultern, als wollte sie ihr versichern, dass sie hier in diesem Moment genau am richtigen Platz war.

»Das ist es«, sagte Anneli leise, »Manchmal trifft man jemanden, und plötzlich hat man das Gefühl, man ist daheim.«

Eloise nickte und fühlte Hitze in sich aufsteigen. Konnte es sein, dass Anneli das gleiche empfand? Sie schmiegte sich an sie, roch ihren vertrauten Duft und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Sie konnte es kaum glauben.

Ein Poltern, welches vom hüpfenden Kater stammen musste, erinnerte Eloise daran, dass sie nicht alleine waren. Ihr Blick traf Liams, der Anneli und sie beobachtete und dabei verschmitzt grinste.

»Aber lasst mich euch eins sagen«, begann er, und seine Stimme nahm einen frechen Ton an. »Ein wirkliches Zuhause braucht immer zwei Dinge: eine riesige Vorratskammer und … jemanden, der nicht schief schaut, wenn man mitten in der Nacht in Schlafanzug und flauschigen Pantoffeln Pizza isst.«

Amüsiert schüttelte Anneli den Kopf.

»Ach, das ist ja eine schwache Vorstellung! Ich dachte immer, du wärst der große Rockstar, der das Leben bis zum Letzten auskostet. Pantoffeln? Wirklich?«

»Hey, ich bin nur der Bassist!« Liam hob verteidigend die Hände. »Die Fans und der ganze Medienrummel gehören ganz dir, Raven!«

Lachend lehnte sich Anneli in die Couch zurück und grinste selbstgefällig. »Ja, ja, immer schön Raven vorschieben, wenn’s brenzlig wird, was?«

Eloise warf Anneli einen neugierigen Blick zu, als sie eine kleine Veränderung in der Mimik und Gestik wahrnahm. Es waren kleine Nuancen, doch Eloise bemerkte sie. Über ihr Gesicht flackerte ein etwas kühlerer, gleichzeitig leidenschaftlicher Ausdruck. War das Raven, die hier zum Vorschein kam?

Liam schüttelte schmunzelnd den Kopf.

»Na, ich hab’s halt einfacher. Im Schatten von Raven lässt es sich ein bisschen ruhiger leben. Die Fans sind ganz verrückt nach dir – da bleibt mir zum Glück mehr Zeit für nächtliche Pizza in Pantoffeln.«

Eloise spitzte die Ohren und sah interessiert zu Liam. »Wie sind eure Fans?« Sie war neugierig, bekam einmal mehr das Gefühl, noch tiefer in eine komplett fremde Welt einzutauschen. Hätte man ihr vor einem Monat gesagt, sie würde mit einer berühmten Metal-Band ihre Zeit verbringen, hätte sie es nicht geglaubt.

Liam lachte leise und rieb sich nachdenklich das Kinn. »Ehrlich gesagt, manchmal kann das wirklich abenteuerlich werden. Die Fans sind unglaublich leidenschaftlich – sie geben dir Energie, als würden sie den Strom direkt in dich reinpumpen. Aber manchmal … manchmal schlagen sie ein bisschen, sagen wir mal, zu sehr über die Stränge und übertreten Grenzen.«

Anneli nickte und lächelte Eloise wissend zu. »Da ist alles dabei – von den Fans, die einfach nur die Musik lieben, bis hin zu denen, die sich wirklich tief mit allem identifizieren. Manchmal kommen Leute nach den Shows auf uns zu, die jede Zeile auswendig können, die Plakate von uns haben und einfach total in die Band abtauchen.«

»Und dann gibt’s die, die wirklich jeden einzelnen Schritt verfolgen«, ergänzte Liam und warf Anneli einen schiefen Blick zu. »Da wird Raven schon manchmal verfolgt, ob sie will oder nicht. Das ist dann schon etwas beängstigend.«

Ein nervöses Flattern stieg in Eloise hoch. Das klang in der Tat angsteinflößend. Sie runzelte nachdenklich die Stirn und sah Anneli an, die nur seufzte und mit den Schultern zuckte. Auf Eloise wirkte sie noch immer gelassen und sie fragte sich, ob Raven denn gar keine Angst hatte.

»Es gehört halt dazu«, murmelte Anneli schließlich, »aber manchmal gibt es schon so Momente, in denen ich gerne mehr unsichtbar wäre. Die Bühne und die Auftritte – das lieb ich wie verrückt. Aber danach … ja, da wäre ich froh, wenn die Leute wüssten, dass es da auch noch interessante Bassisten oder Drummerinnen gibt, die sie verfolgen können.« Sie grinste wieder frech.

Eloise wollte noch tiefer graben, wollte wissen, ob da nicht doch noch mehr war.

Doch in diesem Moment ertönte die Türklingel.

»Apropos …« Liam grinste breit und eilte zur Tür. »Ich hab da noch jemanden eingeladen.«

»Wa…« Annelis Augen wurden groß und auch in Eloise stieg wieder Nervosität hoch. Wer kam da noch?

Kurz darauf wurde der Raum mit Lachen und einem lauten Durcheinander geflutet. Eine Frau und zwei Männer stürmten herein. Anneli strahlte über das ganze Gesicht, sprang auf und umarmte jeden der Neuankömmlinge mit unverhohlener Begeisterung.

Eloise richtete sich langsam auf und strich mit ihren Händen ihr Hemd glatt. Sie erkannte den Rest von Ravens Reign, die sie bislang nur auf Bildern in Social Media gesehen hatte. Sie konnte nicht anders, als die Gruppe fasziniert zu betrachten. Anneli hatte ihr von allen erzählt und sie glaube jeden einzelnen zu erkennen. Da war Christina, die mit ihrem schiefen Grinsen, lockigen Haaren und der tiefenentspannten Art sofort herausstach, und Sawyer, der schon mit den Mädchen scherzte. Sergej, der ruhigste der Gruppe, hatte ein sanftes Lächeln auf dem Gesicht, während er den Raum mit einem ruhigen Blick abschätzte. Alle samt sahen nicht so aus, wie Eloise sich Rockstars vorstellte – überhaupt nicht. Sie sahen aus wie eine eng verbundene Clique. Sie nahm die Zuneigung wahr, die alle füreinander hegten und trotz ihrer Nervosität musste sie lächeln. Jeder schien mit einer ganz eigenen Art zu leuchten und dennoch wie ein perfekt passendes Puzzlestück zu den anderen zu passen. Eloise konnte nur vage erahnen, wie sich das Puzzle auf der Bühne perfekt zusammensetzte und war plötzlich aufgeregt.

Christina bemerkte Eloise und wandte sich sofort ihr zu.

»Du musst Eloise sein!«, rief sie und zog Eloise in eine spontane Umarmung, die keine Zweifel daran ließ, dass sie willkommen war. Eloise fühlte sich, obwohl alles neu für sie war, wohl und war selbst verwundert darüber. »Endlich lernen wir dich kennen! Ich hab dich schon in einem Video gesehen.« Sie grinste verschmitzt.

»Hey, Eloise!«, winke Sergej, der gerade von den Kids zu Boden gerungen wurde.

»Ja, herzlich willkommen im Club!«, fügte Sawyer hinzu und reichte Eloise die Hand, während er sie herzlich angrinste. »Es wird Zeit, dass du dich auf den Wahnsinn einstellst.«

»Hi!« Und Eloise musste lachen, auch wenn sie die flatternde Aufregung in ihrem Bauch nicht ganz loswurde. Sie sah zu Anneli, die sie mit einem strahlenden Lächeln beobachtete. Der Blick zwischen ihnen sagte alles, was Worte in diesem Moment nicht ausdrücken konnten. Eloise fühlte sich trotz der Lautstärke und des Trubels elektrisiert.

Anneli boxte Liam in die Seite: »Du hinterhältiger Mistkerl!« Aber in ihrer Stimme lag große Freude darüber, dass die ganze Truppe versammelt war. »Ich dachte, das wird ein ruhiger Nachmittag.«

»Nichts da! Wie wär’s, wenn wir jetzt direkt rüber ins Studio gehen?«, fragte Liam und klatschte mit einem vorfreudigen Lächeln im Gesicht in die Hände. »Ich habe Kohldampf auf ein bisschen Metal!«

Eloise erkannte, wie Annelis Augen zu funkeln begannen. Sie kam zu ihr und umarmte sie. Eloise konnte die Aufregung, die in Anneli wuchs, regelrecht spüren.

»Komm, jetzt zeigen wir dir, wie Ravens Reign tickt!«

»Wie sehr sie strahlt«, dachte Eloise. Es war wundervoll sie so zu sehen. Sie würde Anneli wirklich gleich singen hören und das brachte ihren ganzen Körper zum Kribbeln. Sie ließ sich also bereitwillig aufgeregt hibbelnden Anneli nach draußen ziehen, dicht gefolgt von den anderen. Anneli flüsterte ihr aufgeregt ins Ohr: »Bitte erschrick nicht.« Dann lachte sie schallend und sie durchquerten den, auf eine schöne Art, wuchernden Garten. Auf einem großen Stein saß wieder der schwarze Kater, der sie mit großen Augen beobachtete. Eloise grinste – es war so idyllisch. Und bei der Vorstellung, welche Musik die gleich hören würde, musste sie lachen.

Der schmale Pfad schlängelte sich durch die Bäume und Büsche, bis sie schließlich vor einem separaten Gebäude ankamen – Liams Studio. Das kleine Haus lag halb verborgen im Grünen und war völlig unscheinbar. Niemand würde sich vorstellen, dass dort drin Musik gemacht wurde, was Millionen begeisterte.

Als sie das Studio betraten, umfing Eloise sofort eine dichte Atmosphäre, die sie noch neugieriger machte. Die Gerätschaften und Instrumente waren sorgfältig angeordnet, als würde alles nur darauf warten, zum Leben erweckt zu werden. Sie warf einen Blick auf die vielen Gitarren und Verstärker, die überall aufgestellt waren. Einige der Instrumente wirkten abgenutzt, einige blitzten wie neu. Als sich Eloise schon näher umsehen wollte, drängte sie Anneli weiter. 

»Hier entlang!« Die Band führte sie dann zu einer Treppe, die ins Untergeschoss hinunterführte. »Dort unten passiert die Magie.«

Als sie über die letzte Stufe trat, umfing Eloise Stille, die hier völlig fehl am Platz war. Selbst sie, die Stille so sehr liebte, freute sich auf den Moment, in dem sie durchbrochen wurde. Der Proberaum war groß und mit Akustikpaneelen verkleidet, die wohl irgendetwas mit dem Klang machten. Die Instrumente waren so platziert, dass sie Raum zum Atmen und gleichzeitig Nähe für ein gemeinsames Proben boten. An der linken Wand stand ein Schlagzeug und ringsum die anderen Instrumente, Bass, Mischpult, Gitarre, und natürlich in der Mitte der Mikrofonständer. Jeder ging sofort auf ein Instrument zu und machte sich daran zu schaffen.

Eloise beobachtete Anneli genau. Sie sah, wie ihre Bewegungen entschlossener wurden, als sie sich dem Mikrofon näherte und langsam nach ihm griff und darüberstrich. Ein Feuer trat in Annelis Augen, und ein leichtes, fast herausforderndes Lächeln umspielte ihre Lippen. Die sonst so gelassene Anneli begann sich zu wandeln. Ihre Haltung straffte sich, ihre Bewegungen wurden fließender und Eloise sah beinahe das Feuer, dass in ihr zu lodern begann.

In den Videos, die sie sich stundenlang angeschaut hatte, konnte sie es nicht erkennen. Dort sah sie immer nur Raven. Doch jetzt erlebte sie die Verwandlung hautnah mit. Und Eloise verstand jetzt ein bisschen besser, wieso Anneli diese Seite an ihr als eine Art eigene Persona sah. Es war, als ob ihre Energie aus ihr strömte, die auch Eloise förmlich mitriss. Und sie hatte noch nicht einmal begonnen.

»Himmel«, dachte Eloise etwas zittrig und sah sich nach einem Platz um, wo sie alles gut beobachten konnte. Anneli, oder besser gesagt Raven, sah Eloise an, in ihren eisblauen Augen lag etwas Wildes, Ungezähmtes. Sie nicht aus den Augen lassend, bewegte sich Eloise langsam zu einer kleinen Couch und setzte sich auf die Kante. In ihr war alles angespannt.

Anneli nahm sich das drahtlose Mikro und kam mit federndem Schritt auf sie zu.

»Bereit?« Ihr herausforderndes Lächeln gefiel Eloise. Es gefiel ihr, wie Anneli mit Raven verschmolz. Wie sie sich völlig ihrer Leidenschaft hingab und nichts von ihren Gefühlen verbarg.

»Nachdem du mich geküsst hast, bin ich es«, murmelte Eloise leise, sodass nur Anneli sie hören konnte und funkelte sie an.

Anneli beugte sich zu Eloises Ohr und flüsterte: »Ehrlich gesagt kann ich mich gerade nicht entscheiden, ob ich singen oder mit dir schlafen will.«

Eloises Herz blieb stehen und wieder flackerten Bilder der kurzen aber intensiven Zeit in Annelis Haus in ihr hoch. Anneli richtete sie sich ohne Eloise zu küssen wieder auf, grinste triumphierend. Eloise wollte protestieren, doch dann hüpfte Anneli bereits wieder in die Mitte des Raumes.

Anneli schenkte Eloise einen frechen Blick, dann nickte den anderen zu und ein Sturm brach los.

Als die Gitarren, der Bass und das Schlagzeug losbrachen, warf sich Anneli in eine gekrümmte Haltung und schrie. Der Sound war roh und ungezähmt, ein wilder Hurrikan, der durch den Raum fegte und jeden Zentimeter davon von Eloise ausfüllte. Die Wände schienen zu vibrieren und alle Frequenzen hämmerten auf Eloise ein, als wäre sie selbst Teil des Beats. Darauf war sie nicht vorbereitet. Sie rutschte nach hinten und starrte Anneli an.

Pointed stones at every turning, do not deter me, do not slur me.

Anneli stand gekrümmt da und sang. Sie schien alles um sich herum auszublenden. Sie bewegte sich im Takt, warf ihren Kopf rhythmisch vor und zurück. Ihr gesamter Körper war Musik. Annelis Bewegungen waren mal elegant, mal ungestüm, als wäre sie manchmal die Welle und dann wieder der Felsen.

Jede Basslinie und jeder Schrei von Anneli ließen Eloise weiter in ein Meer eintauchen. Vor ihrem Auge erschienen brechende Wellen, die ungnädig über den Strand herfielen und alles mitrissen.

Just trapped in waves we feel alive.

Eloise konnte den Blick nicht abwenden. Die Art, wie Anneli sich bewegte, wie sie ihre Stimme in den Song hineinflocht, war überwältigend. Eloise krallte sich in die raue Oberfläche der Couch. In einem Moment sang Anneli klar und drängend, dann wechselte sie in das rohe, heisere Schreien, bei dem Eloise eine Gänsehaut überkam. Es war, als würde sie nicht nur singen, sondern zerrte mit ihrer Darbietung an Eloises eigenen verborgenen Gefühlen. Der Text handelte von Verletzung, von Freiheit und gleichzeitig von der Energie, die sich daraus entwickelte, wenn man den Mut fand, sich all dem zu stellen. Eloise verstand den Text nicht nur, sondern fühlte den Song mit jeder Faser ihres Körpers. Sie fühlte sich plötzlich in ihre Bibliothek, in ihren Raum zurückversetzt. Fühlte die vermeintliche Sicherheit, die ihr dieser Ort versprach. Und dann musste sie an Virginia Woolf denken. Musste an Wellen denken. An das Wasser, für das Woolf eine besondere Faszination hegte.

Just trapped in waves we feel alive.

Als das Lied den Höhepunkt erreichte, ließ sich Anneli auf den Boden sinken und umklammerte das Mikrofon. Ihr letzter Part erschütterte Eloise – es lag ein Schmerz darin, der an ihr zehrte – wie eine Welle, die sie mit ins Meer nehmen wollte. Wie auch Virginia Woolf.

Dann wurde es still und Eloise starrte mit aufgerissenen Augen auf die Szenerie. Sie hatte den Song noch nicht ganz verarbeitet, als Anneli schon aufsprang und »Let´s fucking go!« schrie und als sie ihre blonde Mähne mit Ruck nach vorne schlug, setzte schon der nächste Song ein. Dieser war noch härter.

Wo vorher die drängenden Gefühle von Sehnsucht und Freiheit war, presste jetzt unbändige Wut Eloise fast die Luft aus den Lungen. Nach einer Minute hämmernden Instrumenten, setzt plötzlich eine ungewohnte Ruhe ein, die schmerzte – nur ein quälendes Riff durchbrach die Stille. Dann presste Anneli die Augen zu und stieß die Worte heraus, als ob sie die unerwünschten Gefühle aus ihrer Brust reißen wollte. Ihre Stimme schnitt wie ein scharfes Messer durch den Raum.

The pieces you hold, has been me, has been me
The lies that you told, broke me free, broke me free

Es folgte ein Moment, in dem nur der Bass weiterdröhnte, wie ein Herzschlag, der die zerbrochenen Stücke zusammenhielt. So schnell wie der Song wechselte, tauchte Eloise auch tief in den neuen Song ein. Sie konnte die Geschichte, die Wut und den Schmerz spüren, die dieser Song transportierte. Es war, als ob sie nicht nur die Musik hörte, sondern direkt in Annelis Herz blickte – in all die Verletzungen und all das, was sie gestärkt hatte.

Anneli richtete sich langsam auf, das Mikrofon fest im Griff, und dann brach die Instrumentalgewalt erneut los. Ein gewaltiger Schwall von Wut und Verzweiflung prallte wie eine Welle auf Eloise ein, sodass sie sich unwillkürlich tiefer in die Couch drückte. Und durch all das hindurch war Anneli eine unbändige Kraft, die jede Zeile mit einer Klarheit sang, die Eloise bis in die Tiefe ihres eigenen Wesens traf.

Mit dem letzten Schlag verstummten die Instrumente abrupt, als würde eine Tür zuschlagen und alles wieder in Stille tauchen. Anneli ließ den letzten Ton verhallen und öffnete langsam die Augen. Und Eloise sah es sie in diesem Moment klarer als je zuvor. Es war nicht Raven, die sie vor sich sah, sondern Anneli in ihrer ganzen Pracht. Ihr Blick fand sofort Eloises, und in diesem Moment wusste Eloise, dass sie noch nie jemanden wie Anneli erlebt hatte – gleichzeitig wild und sanft, eine wahre Naturgewalt.

In Eloises bebte es und sie erhob sich – musste sich bewegen.  Die Songs saßen ihr tief in den Knochen.

»Das war intense, Leute«, rief Christina und ließ theatralisch ihre Sticks auf das Drumset nieder. Das ungezwungene Gelächter der anderen wischte die schweren Gefühle fort.

Und dann erhob sich ein intensiver Austausch über einen Part im Song, bei dem nicht alle zufrieden waren. Während die anderen diskutieren, kam Anneli auf Eloise zu, fast schon schüchtern sah sie an und hob fragend eine Augenbraue. Ein leichter Hauch von Farbe stieg ihr in die Wangen, und die leise Frage, die in ihren Augen lag, brachte Eloise zum Lachen. Ohne ein Wort zu sagen, streckte sie eine Hand aus, die Anneli sofort ergriff. »Wow«, hauchte Eloise, ihr Grinsen konnte sie nicht verbergen. Sie zog Anneli sanft näher und flüsterte: »Oder wie sagt man so schön? Holy fuck.«

Anneli brach in schallendes Gelächter aus und zog Eloise in eine feste Umarmung.

»Genau das wollte ich hören!«, rief sie und wirbelte Eloise spielerisch herum. Eloise konnte nicht anders, als selbst laut zu lachen.

Dann Christina kam lachend zu ihnen und legte den Arm um Eloise. »Na, hast du dich für ein paar Metal-Schocktherapien bereit erklärt? Ich hoffe, du bist mental noch bei uns!«

Eloise grinste breit und nickte energisch. »Sowas von!«

»Gut zu hören«, warf Sawyer mit einem breiten Grinsen ein und zwinkerte ihr zu. »Du hast es ziemlich gut überstanden für einen Rookie!«

Anneli ließ Eloise los und verschränkte die Arme. »Oh, glaub mir, sie kann mehr ab, als ihr denkt.« Sie schenkte Eloise einen schelmischen Blick, und Eloise stieß ihr spielerisch den Ellbogen in die Seite.

»Ach, und wie wär’s, wenn wir noch einen Song spielen?«, schlug Sergej vor und tat so, als müsste er sich dehnen. »Ich bin noch nicht einmal aufgewärmt.«

Eloise schüttelte lachend den Kopf. »Lasst mich erstmal wieder Luft holen! Ihr seid der Wahnsinn.«

»Tja, willkommen im Club«, rief Christina und ließ sich theatralisch auf der Couch nieder. »Es gibt keinen Ausweg mehr! Jetzt bist du trapped in waves.« Eloise erkannte darin den Titel von Ravens Reigns beliebtesten Hits und jetzt wusste sie auch, wieso. Sie fühlte es noch immer.

Sie ließ sich ebenfalls wieder auf die Couch sinken und atmete tief durch, ein glückliches Lächeln auf den Lippen. Sie fühlte sich, als hätte sie gerade eine Art Rausch hinter sich. Die anderen Bandmitglieder machten es sich ebenfalls gemütlich, und gemütliches Geplauder erfüllte den Raum.

Liam kam mit einem dicken Fotoalbum zu ihnen.

»Schau, da stecken zehn Jahre drin – vielleicht willst du ja ein paar lustige Bilder sehen.« Mit einem schelmischen Grinsen versetzte er Anneli einen Klaps auf den Oberarm.

Diese starrte auf das Album und protestierte schwach: »Hey«, doch dann grinste sie, als sie Eloises Blick einfing. »Na gut … aber lach nicht, okay?«

Eloise blätterte durch das Album. Sie betrachtete ein Bild, auf dem die Bandmitglieder vor einer Bar standen – alle sahen viel jünger aus und Anneli hatte schwarzes Haar. »Das war unser erster großer Gig in New York City!«, sagte Sergej mit seiner ruhigen Stimme. Stolz lag darin. Eloise bestaunte die Eindrücke, die sich durch die letzten zehn Jahre zogen.

Fast unbemerkt schlich sich wieder dieser kleine Dorn des Zweifels in Eloises Gedanken. Als sie durch die schillernde Welt der Rockstars blätterte, wunderte sie sich, wie jemand wie Anneli, der so wild und furchtlos lebte, so fasziniert von ihr und ihrer Welt sein konnte. Ihre Leben waren so verschieden – Anneli inmitten einer Welt voller Konzerte und glühender Fans, und sie, Eloise, in den stillen Hallen der Bibliothek und ihren eigenen Worten, zwischen den Seiten der Bücher, die sie wie alte Freunde hütete.

»Warum ich?«, dachte sie für einen Moment, als sie die leuchtende Freude auf Annelis Gesicht beobachtete. »Warum jemand wie ich?«

Anneli wandte sich ihr zu, ein warmes Lächeln auf den Lippen. »Komm, gib mir mal dein Handy.«

Eloise sah sie verwundert an und riss sie damit aus ihren düsteren Gedanken. Sie reichte es ihr und Anneli tippte darauf herum.

»Alle mal hersehen!« Und sie knipste mit ihnen allen ein paar Selfies. »Richte deiner Mitbewohnerin schöne Grüße aus!«

Eloise lachte lauthals und schickte ihrer Mitbewohnerin, die der größte Ravens Reign-Fand auf Erden war, sofort das Bild. Der Gedanke verschwand wieder irgendwo in den Untiefen ihres Gehirns.

Anneli

In Anneli bebte es. Auf dem ersten Blick war alles wie immer – die Musik, das Beisammensein und die Energie. Doch heute war Eloise dabei. Und das änderte alles. Anneli war so aufgeregt, wie vor ihrem ersten gemeinsamen Gig. Sie lachte in sich hinein, als sie an dem Eistee nippte.

»Was ist?« Eloises leise Stimme drang an ihr Ohr.

Die anderen Bandmitglieder hingen gerade über einen Computer, wo Liam ihnen einen neuen Mix aus alten Tapes zeigte. Sie und Eloise saßen eng aneinander gekuschelt auf der Couch. Eloise drückte ihr einen sanften Kuss auf die Wange.

»Ach, ich dachte nur gerade, dass ich Christina ihren Job streitig mache«, mit einem breiten Lächeln wandte sich Anneli zu Eloise, sah in ihre braunen Augen und küsste sie.

»Mh?« Eloise nuschelte, kurz gefangen von ihren Lippen. Anneli genoss es, welche sichtbare Wirkung sie auf diese Frau hatte. Eloise war eigentlich schwer zu lesen, aber ein paar Signale verstand sie bereits.

»Mein Herz schlägt so schnell, dass man dazu einen guten Song spielen könnte. Christina könnte eine Pause einlegen«, sie kicherte.

Auf Eloises Gesicht erschien ein strahlendes Lächeln. »Wieso bist du eigentlich immer so charmant?« Wieder küssten sie sich, dieses Mal länger. Anneli strich ihr über das Haar.

»Wir könnten euch einen Liebessong spielen«, ertönte Christinas Stimme in einem säuselnden Ton.

Eloise löste sich und hob die Augenbrauen: »Könnt ihr das denn?«

Alle Köpfe rückten mit einem Satz zu Anneli und Eloise. Anneli prustete los und hielt dabei Eloise fest im Arm. »Das hast du nicht gesagt.«

Plötzlich sprang Liam vom Sessel auf und rief: »Leute, los geht’s!« Ohne Vorwarnung packte er seine Gitarre und stellte sich an das Mikrofon. »And now, ladies and gentlemen«, begann er mit einer viel zu tiefen, dramatischen Stimme, »etwas Romantisches

Christina rollte mit den Augen, setzte sich ans Schlagzeug und spielte ein paar langsame, pathetische Beats an, als Liam und Sergej sich sofort in eine theatralische Pose warfen. Sawyer klimperte ein paar heilige Klänge auf dem Keyboard am Mischpult, und plötzlich stimmten sie alle zusammen Celine Dions Klassiker The Power of Love an.

Ihre Stimmen schwollen an und füllten den Raum, als Sergej und Liam absichtlich überzogen den Text des Songs grölten. Sawyer legte ein dramatisches Riff nach, und Christina schwang die Drumsticks, als ginge es um Leben und Tod.

Anneli und Eloise krümmten sich vor Lachen.

Liam schmetterte den abgeänderten Refrain, während er mit einem ausgestreckten Arm in Eloises Richtung deutete, die sich jetzt kaum noch halten konnte vor Lachen. Sie krümmte sich auf der Couch, hielt sich den Bauch und schüttelte den Kopf, als Liam und Sergej mit einem übertriebenen Schmachten in die nächste Zeile einfielen.

Anneli lehnte sich zurück und beobachtete die Szenerie, ein breites Grinsen auf dem Gesicht und konnte dann nicht anders, als mit einzustimmen. Dabei zog sie Eloise wieder an sich, als alle zum dramatischen Schlussteil anstimmten. Sie drückte sich gegen Eloise, die Tränen lachte. Es war ein wunderschöner Anblick, Eloise so zu sehen.

»So, wer hat hier die wahre Leidenschaft in sich?«, rief Liam und verbeugte sich theatralisch, während die anderen ebenfalls in schallendes Gelächter ausbrachen.

Eloise klatschte in die Hände und jubelte laut und wischte sich die Augen. »Das solltet ihr auf euer nächstes Album packen«, brachte sie hervor.

»Oh, das könnte unser nächster Hit werden und du bist meine Muse«, meinte Anneli mit einem schelmischen Blick zu Eloise, der dieser die Röte ins Gesicht trieb. Glück erfüllte Anneli. Konnte ein Moment noch perfekter sein?

Bis vor kurzem hätte sie sich nicht im Traum vorstellen können, dass tief in ihr drin, Anneli und Raven gleichermaßen glücklich sein konnten. Und jetzt gerade waren sie es beide. Sie blickte in die Runde und ihr Herz schwoll noch mehr an. Der Moment, die Wärme der Gruppe, das Lachen von Eloise – das war ihr Zuhause.

Sie küsste Eloise auf die Stirn und murmelte leise: »Ich bin so froh, dass du hier bist.«