Ich nutze in meinem Alltag viele Streaming-Dienste und ich bin da, ehrlich gesagt, sehr bequem. Ein Klick, und ich bekomme genau das, was ich will: Bücher, Filme, Serien und Musik. Während ich in meinen Hauptjobs die sogenannten Tech-Bros kritisiere, weiß ich sehr genau, wer von meiner verdammten Bequemlichkeit profitiert.
Seit 2013 bin ich Spotify-Kundin, mit einem vollen Family-Account und täglicher Nutzung. Ich habe fast immer gefunden, was ich gesucht habe, und ich habe über Spotify großartige neue Künstler*innen entdeckt. Seit meinem ersten Stream habe ich tausende Songs in über 100 Playlisten angehäuft, die ich alles ziemlich toll finde. Ich habe Projekt-Playlists für all meine Buchprojekte. Ich habe Playlisten für alle Gefühlslagen, Aktivitäten, Partys und Festivals.
Und trotzdem: Jetzt kann ich Spotify nicht mehr einfach aus Bequemlichkeit „eh super“ finden.
Denn es läuft einiges schief.
1. Behandlung von Künstler*innen
Spotify gehört zu den Plattformen, die Künstler*innen besonders wenig zahlen, vor allem kleinere. Der Anbieter fährt (vereinfacht gesagt) ein pro-rata-Modell: Alle Einnahmen werden in einen Topf geworfen und dann nach Anteil der Streams verteilt. Wenn man genauer hinsieht, profitieren große Acts tendenziell mehr davon. Reichweite gewinnt und die Nische verliert.
Das hört man schon lange, und ich habe einfach immer weggehört. Ich habe es mir schöngeredet: Ich unterstütze Musiker*innen ja eh mit Merch, Konzerten, Festivals.
Wenn ich ehrlich zu mir bin, ist das nur eine schwache Ausrede.
2. Fehlende Transparenz bei KI-Songs
Spotify wirkt für mich zunehmend wie ein Ort, an dem es sehr leicht ist, dass KI-Musik und „Content-Spam“ Sichtbarkeit bekommen, während „echte“ Musiker*innen in der Masse untergehen. Ob das aktiv gepusht wird oder „nur“ eine Folge der Plattformlogik ist, ist für mich fast zweitrangig. Entscheidend ist: Als Nutzerin kann ich oft nicht zuverlässig erkennen, was ich da höre.
Ich beschäftige mich beruflich und privat mit KI-Werkzeugen, weiß, wie sie funktionieren, und betrachte sie differenziert. Was ich dabei für unverzichtbar halte, ist Transparenz. Was ist KI, was ist menschlich gemacht? Wer steht dahinter? Wen unterstütze ich mit meinen Streams?
Und genau diese Transparenz finde ich auf Spotify nicht.
Deezer (ein anderer Streaming-Dienst) hat offengelegt, dass auf Musikplattformen inzwischen über 50.000 vollständig KI-generierte Tracks pro Tag hochgeladen werden. Das entspricht rund 34 % aller täglichen Uploads.
Und dann gibt es diese eine Zahl, die mich wirklich nicht loslässt: 97 %. In einer von Deezer beauftragten Online-Umfrage von Ipsos (Erhebungszeitraum 6. bis 10. Oktober 2025, n = 9.000, acht Länder: USA, Kanada, Brasilien, UK, Frankreich, Niederlande, Deutschland, Japan) konnten 97 % der Befragten in einem Blindtest nicht zuverlässig unterscheiden, ob sie vollständig KI-generierte oder von Menschen gemachte Musik hören.
Genau deshalb ist Transparenz für mich keine nette Zusatzfunktion, sondern die Grundlage. Wenn ein so großer Anteil es nicht erkennt, dann muss die Plattform es zumindest klar kennzeichnen. Und genau das fehlt mir auf Spotify.
Die gleiche Deezer/Ipsos-Umfrage zeigt auch, dass viele Hörer*innen Transparenz aktiv wollen: 80 % finden, vollständig KI-generierte Musik sollte klar gelabelt werden. 45 % der Streaming-Nutzer*innen wünschen sich Filtermöglichkeiten und 40 % würden KI-Songs sogar überspringen, ohne reinzuhören.
Ich hab es satt, dass meine Release Liste und mein Mix der Woche voller KI-Musik ist. Und bei dem Umfrageergebnis ist realistisch, dass ich es bei vielen Songs gar nicht mitbekomme. Ich wünsche mir auch Labels und Filtermöglichkeiten.
3. Fragwürdige Investitionen
Dann ist da noch eine Ebene, die ich früher zu selten mitgedacht habe: Wo landet Geld, wenn ich ein Abo bezahle? Und welche Signale setzen die Menschen an der Spitze, auch außerhalb der App? Ja, Spotify zahlt ihren Künstler*innen wenig. Das ist mies. Aber es wird noch mieser.
In den letzten Jahren gab es viel Kritik an großen Investments im Bereich KI-gestützter Rüstungs- und Überwachungstechnologien, die mit dem Spotify-Umfeld in Verbindung stehen. In einer Welt, in der an so vielen Orten Krieg stattfindet oder droht, ist das für mich ethisch höchst fragwürdig.
Dass Geld in diese Richtung fließt, statt in nachhaltige Innovationen, soziale Projekte und bessere Bedingungen für Künstler*innen, ist ein Statement.
4. Spotify und Haltung
Hier kippt es für mich endgültig.
Spotify wirkt nach außen gern wie eine neutraler Musikanbieter. Nur Plattform, nur Hosting, nur ein Ort, an dem Dinge stattfinden. Aber Spotify entscheidet jeden Tag aktiv mit. Was wird monetarisiert (zum Beispiel über Werbung)? Was wird empfohlen? Wem wird trotz fragwürdiger Inhalte eine Plattform geboten? Was wird prominent gemacht? Welche Regeln gelten? Und wie konsequent werden sie durchgesetzt?
Genau deshalb reicht dieses „Wir sind nur Distributor“-Gelaber für mich nicht mehr aus. Eine so mächtige Plattform, die Reichweite verteilt und damit Geld verdient, trägt meiner Meinung nach Verantwortung.
Ein Beispiel, das mich besonders getroffen hat: Spotify hat in den USA Rekrutierungswerbung für ICE (Immigration and Customs Enforcement) ausgespielt. Also für eine Behörde, die für viele Menschen Angst, Gewalt und Entrechtung symbolisiert. Eine Behörde, die am 7. Januar 2025 Renée Nicole Good ermordet hat.
Mir geht es dabei nicht darum, Spotify eine direkte Schuld an einzelnen Taten zuzuschieben. Mir geht es um die Grundhaltung, die sichtbar wird, wenn man solche Werbung überhaupt annimmt und ausspielt. Und mit Abbildungen gewisser Weltbilder wird die Gesellschaft mitgestaltet. Repräsentation schafft Bedeutung. Und ich will in keiner Welt leben, in der Hass und Misogynie normalisiert wird.
Werbung ist nicht neutral. Monetarisierung ist nicht neutral.
Dazu kommt eine zweite, wiederkehrende Debatte: Wie Spotify mit problematischen Inhalten umgeht, vor allem bei Podcasts. In den letzten Jahren gab es immer wieder Aufregung um Desinformation und Hetze. Spotify reagierte teils mit Regeln, teils mit Hinweisen, teils mit Entfernung oder einfach mit Nichtstun.
Und genau das ist ein Haltungsproblem. Nicht, weil Moderation einfach wäre. Sondern weil eine Plattform dieser Größe nicht so tun kann, als hätte sie keine Verantwortung.
Alternativen?
Ich habe mich nach langem Hin und Her für Deezer entschieden. Fast alle meine Songs konnte ich mit dem bereitgestellten Tool übertragen. Und gerade höre ich zum ersten Mal mit dem Flow-Modus (quasi dem Entdeckermodus) und finde es bisher ziemlich gut.
Ich behaupte nicht, dass Deezer perfekt ist. Aber ich will gerade lieber bei einem Dienst sein, der Transparenz nicht als PR-Risiko behandelt, sondern als Feature. Hier werden KI-Songs gelabelt – jey!
Fazit: Stellung beziehen
Ich brüste mich oft damit, dass ich eine Autorin mit Haltung bin. Nach langem Schieben habe ich diese Haltung auch hier gezeigt.
In meinen Hauptjobs ermutige ich Menschen, genauer hinzusehen: Wer steckt dahinter? Wer profitiert? Und was ist der Preis, jenseits der monatlichen Kosten?
Wir sind viele. Eine Person allein ändert nicht das System. Aber viele kleine Entscheidungen sind ein Statement.
Ich werde sicher niemanden verurteilen, der Spotify weiterhin nutzt. Ich fühl die Bequemlichkeit! Aber bitte fühl du dich motiviert auch deine Abos zu hinterfragen!
Ab sofort ist die offizielle Playlist zu meinem Debütroman The Score of Our Life (2025, Ylva Verlag) über Deezer verfügbar. Gleich hier streamen: https://www.deezer.com/de/playlist/14824597003?host=6748443403&utm_campaign=clipboard-generic&utm_source=user_sharing&utm_content=playlist-14824597003&deferredFl=1&universal_link=1
Hier ist eine Liste der Songs, falls ihr diesen Streaming-Anbieter nicht nutzt.
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